Mit Herz und Verstand
(und was sonst noch dazu gehört)

 

Ok, nochmal von vorne!
Zum x-ten Mal lasse ich es mir durch den Kopf gehen. Da muss es doch eine Lösung geben! Ich drehe und wende, betrachte von verschiedenen Seiten, sortiere neu. Vielleicht mal in veränderter Reihenfolge? Sollte ich die  Gewichtungen anders setzen? Habe ich alles bedacht? Ich krame in Windungen und Winkeln meines Denkapparates und Erinnerungsvermögens. Finde ich noch relevante Fakten, weitere Details, Querverbindungen?

 

Irgendwann erschöpft das Denken sich und auch mich. Aber lassen kann ich's auch nicht, im Gegenteil. Es bekommt schon Eigendynamik, lässt mich nicht in Ruhe, dreht Kreise. Und trotzdem komme ich nirgendwo hin, finde den Punkt/den Schlüssel nicht, kann das Problem nicht vollständig erfassen.
Ah, Moment mal! Vollständig erfassen, liegt hier vielleicht die Crux?
Vollständig erfassen, in seiner Gänze, geht das denn, nur mit dem Kopf? Was brauche ich noch dazu? Braucht es da nicht mich in meiner Vollständigkeit und Gänze? Und falls ja, wie könnte das funktionieren?
Bei den bloßen Fragen hüpft mein Herz, freut sich, körperliche Lebendigkeit durchzieht mich. Die Fragen fühlen sich "wesentlich" an! Und mein Herz und mein "inneres Sein" deklarieren Mit-Autorschaft an diesen Fragen, auch wenn's den Kopf erstmal seltsam anmutet!

 

An dem Punkt möchte ich von "Walking-in-your-Shoes" erzählen, dieser phänomenologischen Methode, die 2008 "über den Teich" getragen wurde. Entwickelt in Santa Monica und Los Angeles, entstand sie seit den achtziger Jahren "im Dunstkreis" von Gestalttherapie und Humanistischer Psychologie. Mit ihr bewegen wir uns heute sozusagen in der Schnittmenge von Selbsterfahrung, Coaching und Therapie.

Wie's funktioniert: Die zu betrachtende Thematik wird prägnant als Rolle benannt, in die dann jemand geht ("Ich bin jetzt..."). Diese Person verlässt sozusagen temporär die eigene Persönlichkeit und stellt sich der Rolle zur Verfügung, die nun im Raum ausagiert und erforscht wird. Impulse, i.e. Handlungen, Gefühle, Ideen, Worte kommen in den Raum, die (wenn du in der Rolle bist) spürbar nicht die eigenen sind, sondern zu der Rolle gehören - dieser Effekt ist z. B. aus der Aufstellungs-Arbeit bekannt. Was in der Rolle passiert, zeigt Zusammenhänge auf und lässt Rückschlüsse zu. Ein/e Leiter/in begleitet den "Walk" unterstützend durch Fragen und Anregungen, das Erlebte bildet im Anschluss die Gesprächsbasis.
Im Falle einer Beziehungsdynamik kann ggf. mehr als eine Rolle verteilt werden.

 

Wie's wirkt: Jemand Anderes nimmt sich meiner Problematik an, "läuft" sie. In dem Moment fühle ich mich schon mal ein wenig entlastet. Im Kopf bekommen die eingeschliffenen Bahnen eine Pause von der Überlastung, der Fokus der Aufmerksamkeit verlagert sich. Ich kann mein Thema ins Außen stellen, externalisieren, bekomme ein wenig Distanz dazu. Ich bekomme Unterstützung durch "Walker" und Leiter.
Das Problem/Thema wird im Raum lebendig. Es drückt sich durch die Aktionen der "Walkerin"/des "Walkers" in Bewegung und Bildern aus, mit der entsprechenden Dynamik und Intonation. Der/Die Walker/in agiert in seiner/ihrer Ganzheit, ist mit Körper, Geist und Seele präsent, findet durch Offenheit,  Empathie und Intuition zum Ausdruck. Die leitende Person interessiert sich für jegliche Ausdrucksebene und erfragt sie möglichst komplett.

 

Das Erstaunliche ist, wie genau ich mich in dem Ausdrucks-Geschehen wiederfinden kann. Vor mir entstehen Szenen aus meinem Leben, ich entdecke Muster, innere Anteile und  deren Zusammenspiel werden deutlich. Manches ist mir (mehr oder weniger) bewusst, auf Anderes bin ich rational nicht gekommen, kann ich vielleicht auch gar nicht kommen, da es im Unbewussten angesiedelt ist und/oder mir rational nie zugänglich war. So ist jedenfalls der Kopf nicht Hauptprotagonist, sondern neben allen anderen Ausdrucksebenen und -räumen ein Beteiligter. Und so werden bei mir auch alle Seins-Ebenen und -Tiefen angesprochen. Ich bin in meiner Ganzheit da und Körper und Herz, Kopf und inneres Wesen sind an der Lösungs-Findung beteiligt.

 

In dieser Ganzheit behalte ich in der anschließenden Besprechungsrunde auch die Deutungshoheit.
Mein Kopf, zu oft missbraucht als "Alles-lösen-Müsser", ist entlastet und damit irgendwie auch ein Stück befreit. Mein Herz, mein inneres Wesen und die Intuition stehen ihm zur Seite. Zusammen finden wir zu Antworten, die sich für diesen spezifischen Moment in meinem Leben  komplett und adäquat anfühlen - und "andenken"!