Lass es doch mal "Walken"!

 

"Walking in your Shoes": Über eine erstaunliche Methode der Selbst-Reflexion


Eine Begegnung mit Folgen
Wieder einmal tobe ich durch die Stadt. Wieder einmal viel zu spät, um noch pünktlich sein zu können. Einmal mehr stecke ich in der Hektik, die ich der Stadt immer vorwerfe, bin Teil von ihr, bin selbst Hektik. Ich brettere mit dem Fahrrad über Straßenbeläge verschiedener Epochen, keine Zeit die Vorgaben zur Regelung des Großstadtverkehrs zu würdigen, keine Zeit, den architektonischen Charme der vorletzten Jahrhundertwende zu genießen oder dem jüngsten Versuch Beachtung zu schenken, durch ein hippes Detail den Beton-Glas-Stahl-Schachteln zu moderner Attraktivität zu verhelfen , mit denen letzte Baulücken bereinigt werden. Keine Zeit, an verbliebenen grünen Flecken der Stadt noch einmal bewusst die duftende Frühlingsluft einzuatmen, keine Zeit, um...   ...halt! War das nicht eben Pablo?
Pablo, in ruhigen Stunden eigentlich ein guter, wenn auch mittlerweile etwas vernachlässigter Freund. In diesem Moment ein Hemmnis meines rauschhaften Bestrebens, schneller als die Zeit zu sein, um noch die ein oder andere Minute rauszuholen. Fast schon ein Ärgernis. Muss der ausgerechnet jetzt auftauchen? Muss ich jetzt anhalten? Eine warme Gefühlsregung bricht sich durch das starre Kostüm meiner angespannten Hetze. Ich halte an.
"Pablito, que tal? Wie geht’s dir?" - "Hey prima, aber du siehst ein bisschen angestrengt aus!" Er grinst mich an. "Was sitzt dir im Nacken?"
Ich fühle mich ertappt. Was sitzt mir im Nacken? Eigentlich nur mal wieder ich selbst. Ich weiß seit Tagen, dass ich heute vor fünf Minuten dort sein wollte, ich hatte genügend Zeit, in Ruhe dorthin kommen zu können. Wieder einmal warte ich - halte mich mit irgendetwas auf - bis es eigentlich schon zu spät ist und tobe dann los wie wahnwitzig. Was ist das eigentlich für ein - pardon - bescheuertes Muster, dem ich da einmal mehr erliege? Ich artikuliere das und höre Pablo sagen: "Lass es doch mal walken!" - "Watt jeht, Alter?" loaded der waschechte Wahl-Berliner der einschlägigen Multi-Innenstadtbezirke in vielfacher Glasfaser-Geschwindigkeit aus der Gedankensphäre down.
Hier, frei übersetzt: "Wie meinen, bitte?" -  "Ja, lass es doch mal Walken!"


"Walking in your Shoes"
Nach kurzer Erklärung war die Neugier angeregt. „Eine phänomenologische Methode. Ein Stellvertreter geht in die Rolle deines Anliegens/Problems. Durch den Blick von Außen hast du die Möglichkeit, selbiges neu zu Überschauen. Und es gibt den „Stellvertreter-Effekt“: häufig tauchen Elemente (Informationen) im Walk auf, die eine spezielle Relevanz zu deinem Leben haben, die der Stellvertreter aber eigentlich gar nicht wissen kann. Oft kennt er dich ja noch nicht mal.“
Nach kurzer Zeit – knapp zwei Wochen später - sitze ich in einem "Walking-in-your-Shoes"-Kreis.
Nach kurzer Einführung geht’s los - etwa zehn Leute sind da, ein "Walking-in-your-Shoes"-Leiter. Wer möchte bekommt die Gelegenheit, ein Anliegen vorzutragen. Ich möchte. Der Leiter klärt in einem Gespräch, worum es mir geht und wir finden zusammen eine prägnante Bezeichnung für eine Rolle, in die sich eine/r der Anwesenden begeben wird.


Der „Walk“
"Ich bin jetzt das, was sich zu (Name)s Verhaltens-Muster hier zeigen möchte" sagt die "Walkerin" und geht los. Das Muster (zu lange inaktiv bleiben/in komplette Hektik verfallen) wurde in dem Gespräch definiert. Der Auftrag an die Walkerin ist, sich in die Rolle zu begeben und Impulse, die ihr kommen (Gedanken, Gefühle, Bewegungen, Bilder, Worte...), zu erspüren und ihnen Ausdruck zu verleihen. Durch die Bewegung des Gehens ergibt sich daraus ein dynamisches "Schauspiel", allerdings ohne Schauspieler und ohne dass geschauspielert wird. Die Walkerin "spielt" ja nichts, sie bringt lediglich zum Ausdruck, was ihre Intuition erspürt. Unterstützt wird sie dabei vom Leiter, der ihr immer wieder Fragen stellt, um zu verstehen, was gerade geschieht, was in ihr vorgeht, was einzelne Bewegungen ausdrücken wollen, was für Gefühle involviert sind etc. ...    Er erforscht, ermutigt, regt an, spürt mit, hinterfragt...
Es würde den Rahmen sprengen, den ganzen "Walk" hier wiederzugeben. Hier einige Elemente, die mir wesentlich erschienen und aus denen sich mir Rückschlüsse aufdrängten:
Die anfängliche Dynamik verflacht zusehends und die Walkerin wird immer langsamer. Die Schritte werden unsicher, sie scheint nicht zu wissen, wohin. Die Arme baumeln herab, die Hände zu Fäusten, mit umfassten Daumen, wie bei Babys.  Sie bleibt schließlich stehen, sagt: "Ich kann gar nichts machen!" Sie schlenkert die Arme, versucht, sie zu aktivieren. Das hilft, Energie beginnt zu fließen, sie geht weiter, verfällt nach kurzem aber wieder in "Baby-Faust-Haltung", wird langsamer, bleibt stehen. "Es ist, als könnte ich gar nichts richtig machen." - Ich merke, wie ich innerlich mit dieser kompletten Hilflosigkeit resoniere, fast werde ich selber so hilflos, unangenehm...   Mir kommen Gedanken zu meiner Situation als Baby und mir wird klar, wie ein Baby, das in ungünstigen familiären Umständen "irgendwie nicht richtig" ist, das Gefühl ableiten kann, „nichts-richtig-machen-zu-können“.


"Walking"...   ...nicht nur mit den Beinen
Inzwischen ist die Walkerin wieder unterwegs, experimentiert mit den Armen, was ihr immer wieder etwas Energie gibt, die dann wieder verflacht. Sie setzt sich hin und sagt: "Ich brauche Unterstützung!" Durch die Fragen des Leiters wird schnell klar, dass es nicht um Unterstützung bei einem konkreten Vorhaben geht, sondern um Unterstützung im Allgemeinen, Rückhalt, Aufgehoben-Sein. Nach dem Alter gefragt sagt sie: "Ich kann gar nicht sagen, ob ich vier oder vierzehn bin." - Ich bin überrascht, wie selbstverständlich und ohne zu überlegen die Zahlen aus ihrem Mund kommen, und obwohl auch viele andere Altersangaben in Kindheit und Jugend zu dem Thema "ich brauche Unterstützung" gestimmt hätten, haben diese beiden Zahlen eine besondere Bedeutung. Mit beiden sind einschneidende Erlebnisse und entscheidende Weichenstellungen in meinem Leben verbunden, die mit Erschütterung meiner Grundfesten bei gleichzeitig mangelndem Rückhalt zu tun haben.
Immerhin begann ich mit fast vierzehn "mit den Armen zu experimentieren", spielte Basketball und entdeckte den Sport für mich, was mir Energie gab...
Im weiteren Verlauf des Walks geht es um die "Arm-Experimente", anhand derer sich zwei unterschiedliche Seiten herauskristallisieren - im Walk Körperhälften, in übertragenem Sinne Seiten meiner Selbst. Es wird deutlich, wie die beobachtende, passive Seite aufgrund des Gefühls nicht richtig handeln zu können lange im Passiven verharrt. Und wie die Aktive, wenn angeregt und erlaubt, gerne alles auf einmal machen würde, wenn sie mal zum Zuge kommt. "Aktivitäts-Stau", denke ich.  Aktivitäts-Impulse werden durch das vermeintliche nicht-richtig-handeln-Können nicht ausagiert, werden angestaut und durchbrechen dann quasi die Staumauer – wollen beispielsweise per Fahrrad schneller sein als die Zeit. 


Der Kreis schließt sich
Nach dieser Phase des Herausarbeitens der verschiedenen Seiten beginnen die Hände der Walkerin sich in ihren Bewegungen zu finden.  "Das fühlt sich gut an" sagt sie, mit einer Hand die andere fassend, "wie wenn sich ein Energie-Kreis schließt und diese Energie bleibt jetzt bei mir!" Nun geht es noch darum, wie die Hände sich am besten anfassen, um die Energie zu halten und zu intensivieren. Die "Botschaft" des Walks scheint damit "durchgegeben" und der Leiter beendet ihn. Ich entlasse die Walkerin aus ihrer Rolle und wir sitzen alle im Kreis, um das Erlebte noch einmal zu reflektieren. Hier ist Raum, mein eigenes Befinden kundzutun, Fragen loszuwerden, Feedback der Anwesenden anzuhören, den ein oder anderen Fingerzeig des Leiters zu erhalten...   ...wenn ich das möchte. Ich könnte das Erlebnis auch einfach so stehen lassen und es wortlos mitnehmen und wirken lassen.
Ich bin aufgewühlt. So viele Szenen, Bilder und Gefühlslagen, die schon lange nicht mehr erinnert wurden. Als ein erstes Fazit nehme ich mit, dass ich nun meine Prägungen besser verstehe und dass es wohl darum geht, diesen beiden Seiten irgendwie zu einem bewussten Ausgleich zu verhelfen. Womöglich in einer Art und Weise, in der sie sich gegenseitig unterstützen. Gemäß des eben Geschauten, bei dem es darum ging, dass die Hände sich in der effektivsten Position finden, um den "Insgesamt-Nutzen"  (das "Energie-Level") so hoch wie möglich zu gestalten.


Der "Doppel-Walk"
Das Thema begleitet mich noch eine Weile und später lasse ich noch einmal einen Walk dazu machen, einen Doppel-Walk. Bei einem Doppel-Walk werden zwei zueinander in Bezug stehende Rollen "ins Rennen geschickt", um die zwischen ihnen wirkende Dynamik besser zu verstehen. In meinem Fall die beobachtende Seite und die aktive Seite. Auch bei diesem Walk passieren schon längst vergessene Szenen aus meinem Leben Revue. Durch die Interaktion meiner beiden Seiten, die sich im Walk dann sogar auf mich als anwesende Person beziehen, wird mir die Wichtigkeit bewusst, den verschiedenen Aspekten meiner Selbst in gleichem Maße Anerkennung zukommen zu lassen, ob ich sie mag oder nicht. Was nicht heißt, dass ich etwas mögen muss, was ich nicht mag, sondern dass ich etwas in seiner Wichtigkeit anerkenne, das nun mal für meine Prägung wichtig war. Ich sehe: solange ich in Ablehnung bleibe, kann kein integrativer Prozess stattfinden, der aber eine Voraussetzung für Weiterentwicklung ist.


Eine "multidimensionale" Methode
Inzwischen habe ich - Pablo sei Dank - viele "Walks" erlebt; als Zuschauer, als Walker, mit einem Anliegen und als "Walking-in-your-Shoes"-Leiter. Immer wieder erstaunt mich diese Methode aufs Neue. Zum einen wegen dieses "Stellvertreter-Effektes". Wie kommt es zu diesen Ähnlichkeiten - und teilweise frappierenden Übereinstimmungen - zwischen dem, was sich im Walk darstellt und den gegebenen Verhältnissen derjenigen, die das Anliegen mitbringen? - Zum anderen: Wer den Walk erlebt, dem erschließt sich das Anliegen sozusagen multidimensional. Es ist tatsächlich ein Erlebnis, in das die Beteiligten mit all ihren Sinnen, ihrem Geist, ihrem Körper, ihrer Seele eingebunden sind. Das Anliegen wird in seiner Vielschichtigkeit erlebbar und Der-/Diejenige, der/die es mitgebracht hat, wird durch das Erlebte befähigt, direkt darauf zu reagieren. Es ist eine Chance, zu eigenen Entscheidungen zu finden. Bekanntlich sind es ja genau diese, die uns weiterbringen. Und oft sind es Entscheidungen, zu denen wir in früheren Situationen nicht fähig sein konnten: wir waren zu klein, zu hilflos, zu unwissend, zu wenig bewusst...  

  
Bye bye „Kopfsalat“   
Nicht zuletzt entsteht hier auch ein Ausweg aus dem "Kopf-Salat". Indem wir uns einer intuitiven Ebene bedienen, heben wir uns aus dem für uns Denkbaren heraus. Oft genug verfangen wir uns ja in den Schlaufen unserer Denkwege, ohne an ein Ziel zu gelangen. Oft genug wollen wir ja manches gar nicht denken, haben es ins Unbewusste verbannt. Und oft genug bleibt bloß Gedachtes uneffektiv, da es nicht in uns lebendig wird, nicht zur Erfahrung wird, nicht zum Verinnerlichen gelangt.

Zugegeben, so kann ein Walk zu einem kleinen Wagnis werden, aber wir wissen ja, wer nicht wagt...      ;)

Das Anwendungs-Spektrum der Methode ist sehr weit. Sie lässt sich wohl in jedem Lebensbereich, ob weltlich oder spirituell, bei unterschiedlichsten Fragestellungen und ebenso als Entscheidungshilfe applizieren, sofern es darum geht, adäquat mit sich selbst und dem umgebenden Gefüge zurechtzukommen.

Inzwischen gibt es in mehreren Ländern ein sich stetig erweiterndes Angebot an "Walking in your Shoes"-Events, Kursen und Seminaren. Vernetzt sind diese über das "Walking in your Shoes"-Institut, über dessen Web-Seite du Anbieter und Angebote finden kannst.

 

Autor: Th. Altmann-Krüger                                                                                                        

Thorsten@wiys-institut.org
www.wiys-institut.org

veröffentlicht in der Zeitschrift "Pulsar" im Oktober 2016